Die Entstehungsgeschichte einer außergewöhnlichen Brustprothese:

 

Sie war geschockt...

 

Natürlich war Sie das. Wer wäre das nicht? Aber obwohl es allgegenwärtig scheint, rechnet man doch nie damit, dass es einen selbst trifft. Nie geraucht, gesund ernährt, Vorsorge gemacht, eigentlich alles getan, was man selber tun kann, um es zu verhindern. Manchmal etwas wie einen kleinen Knoten gespürt, aber auf die Wechseljahre geschoben. Wie es halt immer so ist. Zuviel Arbeit, Umzug, noch keinen neuen Arzt gefunden, viel um die Ohren und auf einmal sind zwei Jahre um. Man fühlt sich ja auch nicht krank, es ist schon noch Zeit. Erst noch dieses Projekt, jene Aufgabe fertig machen ...

 

Aber dann, durch puren Zufall, einmal auf dem Handy falsch gedrückt und aus Versehen eine alte Schulfreundin angerufen, die man monatelang nicht gesprochen hat. "So schön, eine liebe Stimme zu hören." sagt die Freundin. "Kann ich echt brauchen. Ich bin gerade im Krankenhaus, ich habe Brustkrebs." Und auf einmal ist es wieder ganz konkret, ganz nah. Also endlich zur Vorsorge! Und tatsächlich. "Sie haben da was." sagt der Arzt und guckt so komisch. "Ich möchte, dass Sie so schnell wie möglich weitere Untersuchungen machen lassen." Die ersten Zweifel, dann die Gewissheit. Der Schock. Sie hat Brustkrebs.

 

Von heute auf morgen heißt es Arztbesuche, Chemotherapie, jede Woche ins Labor, um die Werte zu überprüfen, Haarausfall, weg von der Arbeit, weg von den Menschen. Wegen der Ansteckungsgefahr, denn das Immunsystem ist im Keller. Weg vom Leben, wie es war. Auf einmal ist die starke Frau, das "Karriereweib", die Kämpferin, schwach. Niedergestreckt vom eigenen Körper - von einer verdammten Körperzelle. Sie versteht die Welt nicht mehr, weil sich der so gehegte Körper plötzlich gegen sie wendet. Die schönen langen Haare sind binnen kürzester Zeit einer Glatze gewichen. Ein paar hartnäckige Strähnen bleiben zurück. "Das sind Kämpfer!" beschließt sie. So kämpferisch wie sie selbst. Die werden nicht abrasiert. Sie nennt sich "Gollum". Weigert sich, ihren Humor aufzugeben. Oder ihre Stärke. Sie zwingt sich zum Sport und zu Bewegung - jeden Tag. Im Keller bekommt der Boxsack ihre geballte Wut zu spüren. Es ist die eigene Machtlosigkeit, die diese ohnmächtige Wut hervorruft. Sie versinkt nicht im Selbstmitleid, sie ist stinksauer. "Herr Krebs", der Arsch, hat die Finger von ihr zu lassen! Es gibt diesen schönen Spruch "Cancer touched my breast, so I kicked its ass!", das ist jetzt auch ihre Devise.

 

Nach monatelanger Chemotherapie dann die erste Operation. Wunderschön gemacht, man hätte sich daran gewöhnen können, aber es reicht unglücklicherweise nicht aus. Also folgt die zweite Operation. Die komplette Brust muss dran glauben. Immerhin, die Haare fangen wieder an zu wachsen. Vom "Gollum" zur fusselköpfigen Amazone, wie sie selbst es nennt. Und "Herr Krebs" ist raus! Die Werte sind in Ordnung. Jetzt geht es wieder bergauf. Der Körper kann sich langsam regenerieren, die Haare wachsen weiter und sind auf einmal lockig. Sie fühlt sich wieder stark, fast gesund.

 

Nur... die Brust, die fehlende. Ein Aufbau wurde ihr angeboten, mit eigenem Gewebe vom Bauch. Verlockend, aber eine sehr lange Operation. Nein, nicht noch mehr Operationen und Medikamente. Nicht noch mehr Schwächungen des Körpers. Er muss jetzt wieder aufgebaut werden und stark sein, um möglicherweise neu aufkeimende Krebszellen zu vernichten. Nein! Die Entscheidung fällt dagegen. Gleich nach der Mastektomie hat sie eine leichte Brustprothese erhalten - noch in der Klinik. Das hat über den ersten Schock hinweggeholfen. Aber eine Brustprothese? Jedes Mal, wenn sie eine dieser Prothesen in die Hand nimmt, schlägt ihr der Geruch des Kunststoffes entgegen und sie fühlt sich wieder an den Verlust der Brust erinnert - das ist vorbei und dass muss aufhören! 

 

Sie beschließt, dass sie keine Brust verloren sondern Stauraum gewonnen hat! Ihr Freund bestärkt sie in diesem Gefühl, wie er sie schon die ganze Zeit bei jedem Schritt auf ihrem Weg durch die Krankheit unterstützt hat. Eine Idee reift in ihnen. Die Tochter des Freundes kann nähen. Sie stellt Ledertaschen nach eigenen Schnittmustern her und verkauft sie auf Dawanda. Da muss sich doch was machen lassen. Die Idee ist eine Tasche in Form einer Brust, die als Prothese getragen werden kann, schön aussieht und außerdem Platz für Geld, Karten, Make-Up, Medikamente, Schlüssel oder was man sonst für Kleinigkeiten sicher am Körper transportieren möchte, bietet. Nach und nach werden verschiedene Formen probiert, Materialien ausgespäht, vernäht, mit wachsender Begeisterung getragen und stolz herum gezeigt. Auch andere Brustkrebs-Patientinnen werden aufmerksam und melden Interesse an. Es scheint, als könnte man auch anderen Frauen eine Freude mit dieser etwas anderen Prothese machen. Bis jetzt nennen sie es Brusttasche. Ein richtiger Name muss her. Es sollte schon ausdrücken, was es ist. Eine Art Brust. Handwerklich hergestellt, ein kleines Kunstwerk. Ein Brustwerk.

 

So war das ... und jetzt kann jede Frau ihr eigenes Brustwerk haben, weil eine unglaublich willensstarke Frau einfach stur beschlossen hat, aus dem größten Schock ihres Lebens etwas Gutes zu machen. Weil sie es so wollte und mich gemeinsam mit meinem Vater so lange motiviert und unterstützt, mit Ideen und Verbesserungsvorschlägen bombadiert hat, bis ich soweit war, mein Brustwerk auch dem Rest der Welt anbieten zu können. Ich wünsche tatsächlich keiner Frau, dass sie ein Brustwerk braucht. Aber wenn es nun einmal so ist, ist es mir eine Freude, wenn ich betroffenen Frauen damit ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Weg von "Ich muss eine Prothese tragen", hin zu "Welches Täschchen trage ich heute?!"

 

Für diese Möglichkeit und überhaupt alles möchte ich meinem Vater und dessen Freundin von Herzen danken! Fühlt Euch umarmt!!!

 

 

Und ich - die "Betroffene" - möchte mich für den Elan und die Geduld bedanken und vor allem die wunderschönen Brustwerke, ohne die ich nicht mehr aus dem Haus gehe.